Auszug aus dem Interview von Charlotte Roche mit Reinhold Heil in Fast Forward auf Viva 2 vom 4. Oktober 2000.

(c) Viva Zwei 2000;
(c) Transkription: Jan Fischer 2001



Charlotte  Wenn du nicht Filmmusikkomponist geworden wärst, hättest du trotzdem sehr starke Verbindungen zum Film?

Reinhold Heil:  Ja klar, auf jeden Fall, immer schon. Ich liebe Filme bis zum Abwinken. Selbst wenn ich mir so'n richtigen Hollywood-Schinken angucke: ich geh da rein, weil ich mich dann drauf einlassen will, ich sitz also nicht da wie ein Filmkritiker und versuch, die Krümel im Käse zu finden, sondern ich geh da rein, um mich richtig in den Film reinzuversetzen. Dann kommt es natürlich manchmal vor, daß sie einen wirklich beleidigen, also wenn da zum Beispiel so ein Film wie Twister ist, wo die beiden sich im Auge des Hurrikans aneinander festklammern, auch wenn um sie herum die Kühe fliegen, dann werd ich doch ein bißchen sauer, weil es meine Intelligenz beleidigt. Aber sowas wie Indiana Jones oder Star Wars, wunderbar! Das ist so, als wenn ich auf 'ne Achterbahn gehe.
  Und richtig gut wird es dann bei Filmen wie Lola rennt. Den fand ich damals so genial weil er alles bedient hat: Das war wie eine Achterbahnfahrt, aber wenn man dann angefangen hat drüber nachzudenken, konnte man unglaublich tief eindringen, man wurde philosophisch bis zum Abwinken, man hat über parallele Universen nachgedacht, ob nicht z.B. der Sinn des Lebens darin besteht, von einem Universum in ein besseres zu wechseln usw.
  Von daher finde ich: Pop ist immer dann am besten, wenn es eine beliebige Tiefe bekommen kann. Es gibt immer Leute, die sowas anbieten, auch in der ganz modernen Musik, wie z.B. Moby, dessen Stücke sehr filmmusikmäßig und gleichzeitig sehr tanzbar sind, total klasse.
[...]

[Zum Soundtrack von Der Krieger und die Kaiserin:]
Wir wollten nicht das Phänomen Filmmusikalbum revolutionieren, aber wir wollten zumindest zeigen, daß man es auch anders machen kann, als einfach ein paar Songs von populären Künstlern zu nehmen, zu behaupten, die seien inspiriert von dem Film und die auf eine Compilation zu packen. Wobei ich nicht sagen will, daß das illegitim ist, vielleicht paßt die Musik auch unheimlich gut stilistisch zu dem, was der Film sagt, das kann alles völlig in Ordnung sein.
  Aber wir sind eben der Meinung, daß man ein Filmmusikalbum machen kann, das poppig ist, obwohl die Musik im Film vielleicht nicht ganz so poppig ist, und das trotzdem einen ganz intensiven Bezug zum Film hat, und das haben wir gemacht. Und ich glaube, daß wir das bei diesem Film fast noch mehr bewiesen haben als bei Lola rennt. Bei Lola war's insofern einfacher, weil der Film eben poppige Musik eigentlich von sich aus schon wollte, der brüllte geradezu danach, und die kriegte er dann auch. (lacht)
[...]

  Jedenfalls ist es jetzt so, daß eigentlich die Songs in dem Sinne im Film nicht vorkommen, andererseits aber die Basis der Songs als Filmscore existiert, und wir eben aus dem Score Songs destilliert/gemacht haben. Das haben wir letztlich bei Lola schon gemacht: wir habe zwei Songs kreiert, die beide auf dem Score aufbauten. Wobei es da nicht so'n riesen Sprung war, weil halt die Tracks sowieso schon gegrooved haben. Diesmal war's sehr viel mehr Arbeit, und die Songs sind natürlich noch sehr viel anders als der Score. Aber es hat alles mit dem Film zu tun, und auch die Songtexte haben viel mehr mit ihm zu tun, und wir haben ja mit sieben verschiedenen Sängerinnen gearbeitet.

Charlotte:  Das wäre jetzt gleich die nächste Frage gewesen, wie es zu diesen Kollaborationen gekommen ist? Also, wie habt Ihr die Leute ausgesucht?

Reinhold:  Ja, ausgesucht natürlich danach, welche uns gefallen. Skin z.B. war die erste, bei der wir sofort gesagt haben: "Das wäre perfekt, es könnte uns nichts Besseres passieren, als daß die Ja sagt." Und es ist auch oft so, daß man von vorneherin sagt: "Ach, die brauchen wir erst gar nicht zu fragen, das kann gar nicht sein..."

Charlotte:  "Die will nix von uns deutschen Nasen wissen..."

Reinhold:  Genau, und irgendwo glaube ich, daß es auch damit zu tun hat, daß Lola rennt wirklich ein sehr spezieller Film ist, der, finde ich, zu Recht abgefeiert wird als ein orginelles Stück Filmemachen das wirklich anders ist, als es bisher betrieben worden ist. Und demzufolge hat das Ding auch international eine solche Resonanz... ich glaube, das können sich Leute in Deutschland gar nicht vorstellen, weil in Deutschland ist das Ding natürlich ein Blockbuster gewesen, und wie es immer in Deutschland so ist: wenn etwas richtig erfolgreich ist, dann sind auch unheimlich viele Nasen da, die dann sagen: "Naja, sooo gut war er nun auch wieder nicht..."

Charlotte:  Daß dann 'n Hype wird und die Leute dann denken, sie müßten gegen den Hype arbeiten...

Reinhold:  Genau, so läuft das halt hier [in Deutschland] ab, wohingegen, wenn man jetzt in L.A. mit irgendwelchen Menschen zusammentrifft, ob die jetzt im Filmgeschäft sind oder nicht, eigentlich alle die das Ding gesehen haben, einem mehr oder weniger um den Hals fallen und sagen "Wie toll, daß mal sowas passiert, daß mal sowas anderes da ist und es ist wirklich mit das tollste Ding, was seit Jahren gelaufen ist!" Und das macht jetzt für jeden von uns 'n paar Türen auf. Für Johnny und mich z.B., daß wir die Soundtracks zu amerikanischen Filmen machen, also jetzt keine Riesenproduktionen, aber, wer weiß, irgendwo muß man ja anfangen.

Charlotte:  Das [Lola] ist ja auch einer der wenigen modernen deutschen Filme, die halt weltweit akzeptiert werden.

Reinhold:  Und letzlich war das glaub ich auch die Hilfe, die dann dazu geführt hat daß bestimmte ziemlich großartige Künstlerinnen und Sängerinnen gesagt haben: "Ok, da mach ich mit."

Charlotte:  Oder überhaupt, daß sie mal reinhören.

Reinhold:  Ja genau, wie kriegst du erstmal die Tür auf und wirst überhaupt vorgelassen, oder: wie kommst du um den Block des Managements herum.

Charlotte:  Und das war bei Skin jetzt sehr leicht?

Reinhold:  Ich glaub nicht, daß das so leicht war, denn bei Skin ist das auch so: natürlich hat die auch 'ne Managerin, die sehr tough ist, und Skin wohnt sehr zurückgezogen. Aber das Gruselige an diesem Tag [der Songaufnahme] ist, daß ich sie schon wieder nicht kennengelernt habe, denn ich bin der Einzige von uns, der sie nicht getroffen hat beim Singen. Tom und Johnny waren in Nizza, während die Platte aufgenommen wurde, und ich saß aber schon in Santa Barbara in meinem Studio und bereitete weitere Aufnahmen vor.
[...]

  Der Film mußte bereits im April [2000] gemischt werden, da gibt's ja immer diese unglaublich langen Vorlaufzeiten, und dadurch haben wir in Berlin in Johnnys Studio angefangen, sind dann nach Santa Barbara übergewechselt in mein Studio, und in dieser Schlußphase mußte dann auch noch das Orchester gemacht/aufgenommen werden, und da blieb uns eigentlich gar keine andere Wahl als ein Orchester in Los Angeles zu nehmen. Also haben wir so ein richtig amtliches Filmmusikorchester in den Paramount Studios gehabt, vierzig Leute, erstsahnige Spieler! Bei You Can't Find Peace gibt's ja einen sehr ausgeprägten Streichorchesterpart, der auch sehr wild ist; der klingt eigentlich ziemlich besoffen, ist aber sehr geplant besoffen. Die haben das dann wirklich so gespielt, daß ich zum Teil aus dem Sitz gesprungen bin, schon beim ersten Durchspielen vom Blatt.
  Es hat irre viel Geld gekostet, wir hatten genau drei Stunden, um die komplette Filmmusik und auch den Streicherpart für dieses Stück einzuspielen. Aber die Leute waren einfach so gut, daß das kein Problem war. Wir haben es genau durchgekriegt innerhalb dieser drei Stunden! Das war sehr spannend und irre stressig, weil wir genau wußten: "Nach diesen drei Stunden ist die Knete alle und was ist wenn wir das nicht alles schaffen?"
[...]

Charlotte:  Nochmal wegen Winterschläfer: Da hat mich die Musik immer sehr an John Carpenter-Filme erinnert, oder vielleicht auch an Dario Argento-Sachen.

Reinhold:  Da bist du auf 'nem guten Weg, wenn du das merkst. Gut, bei Winterschläfer merkt man das wohl auch sehr deutlich. Tom hat mit 8 oder 9 schon angefangen, Filme zu machen, so Super 8-Filme. Ich glaube, er hat mir mal gesagt, daß er in Moment in dem er Halloween gesehen hat wußte, daß er gerne selbst Filme machen würde. Und das betrifft sowohl die Art des Filmemachens als auch den Soundtrack, und da ist natürlich auch der Punkt, daß John Carpenter selbst die Musik gemacht hat zu Halloween, er also als der Regisseur und Drehbuchautor auch selbst die Musik komponiert. Und er macht das jetzt zwar nicht ganz allein, weil er das mit Johnny und mir zusammen macht, aber er hat eindeutig das Sagen. Also bei Pale 3 ist er der blasseste von allen, und demzufolge ist er auch der Bandleader (lacht) und hat als Regisseur natürlich das letzte Wort. Wenn jetzt bestimmte [musikalische] Sachen angeboten werden, muß er darüber entscheiden ob er das in dem Film so haben will oder nicht. Irgendwo macht es die Sache auch einfacher, man muß sich nicht wie in einer Band prügeln, wenn es darum geht "Who rules?", ist der Gitarrist oder der Drummer, in diesem Fall ist es eben der Regisseur, der blasseste halt.

Charlotte:  Zurück zu Krieger und Kaiserin: Habt Ihr das vorher komplett vertont oder habt Ihr einzelne Szenen vertont?

Reinhold:  Das läßt sich nicht so pauschal beantworten, denn es ist ein fließender Prozess. Es war in diesem Fall sogar besonders fließend, denn Tom hat darauf bestanden, daß wir Anfang Februar schon mit der Musik anfangen, weil wir sonst bis Ende März nicht durchgekommen wären, und er aber zu dem Zeitpunkt mit dem Schnitt noch nicht fertig war. Das ist auch der Grund, warum Tom der blasseste ist, weil er nämlich im Februar, nachdem er bereits dreieinhalb Monate geschnitten hatte und dann bei dreieinhalb Stunden [Länge des Films] angekommen war, natürlich noch weiter schneiden mußte, und wir hatten bereits mit der Musik angefangen...
  Und so war er also tagsüber im Schneideraum, kam dann abends zwischen 7 und 8 Uhr zu uns, blieb dann bis etwa 1 oder 2 Uhr morgens, und dann ging er nach Hause, wo er sich aber nicht ins Bett legte, sondern das Drehbuch für seinen nächsten Film studierte [Heaven]. [...] Das hat er dann also gleichzeitig am Laufen gehabt. Da ist man dann ziemlich blaß, und daher dann auch der Bandname. (lacht)

Charlotte:  Wie oft habt Ihr probiert, bis Ihr das [musikalische] Thema hattet; also wie oft wirft man Sachen um, bis es nicht die Szene entrückt oder ablenkt, sondern nur unterstützt?

Reinhold:  Gelegentlich muß man schon Sachen umwerfen. Zum Beispiel das Stück mit Skin wurde relativ frühzeitig hergestellt, und man hätte jetzt von diesem Stück noch mehr im Film unterbringen können, aber irgendwie sind gerade die Szenen zum großen Teil rausgeflogen, also war das dann z.B. für die Katz. Man bastelt eigentlich mehr dran rum, die Grundideen haben alle ziemlich schnell funktioniert, aber sie dann auszuarbeiten war interessant.
  Tom hat währenddessen noch geschnitten, das heißt: wir haben schon Musikentwürfe gemacht, haben ihm die mitgegeben, er hat sie auf die Szenen gelegt, hat dann danach nochmal 'n bißchen umgeschnitten, weil die Musik ihn dann wieder anders inspiriert hat, dann hat er uns die umgeschnittene Version gebracht, also mußten wir daraufhin die Musik wieder ein bißchen ändern. Und so hat sich das den ganzen Februar hingezogen, und dann war endlich mal Ruhe, Ende Februar war dann nämlich Final Cut, was, wie sich herausstellte, auch nicht der Final Cut war. Und dann haben wir darauf basierend bei mir in Santa Barbara weitergemacht und haben den ganzen Score zu Ende geschnitzt. Und bevor der Film dann gemischt wurde, hat Tom dann trotzdem nochmal "drin rumgeschnitten" und hat dann auch in der Musik noch geschnitten.

Charlotte:  Ist das ok für dich, wenn er das macht?

Reinhold:  Wenn das ein guter music editor macht, dann ja.
[...]

Charlotte:  Würdest du denn sagen, Tom Tykwer ist ein musikalischerer Regisseur als andere?

Reinhold:  Allerdings, ja!

Charlotte:  Das ist aber auch hilfreich für die Leute, die dann auch noch mit die Musik machen, wenn der Regisseur nicht wie 'ne Gegenwand ist?

Reinhold:  Naja, die Gegenwand ist der Regisseur ja nur dann, wenn er eigentlich überhaupt keine Ahnung von Musik hat, aber glaubt daß es so ist. Es gibt andere Regisseure, die selbst gar keine Musiker sind, die aber die Musik sehr mögen, und die dich dann deshalb aussuchen, weil sie deine Musik mögen und dir dann auch vertrauen. Oder dir auch z.B. Szenen einräumen, in denen die Musik so richtig emotional übernimmt, wo sie also nicht nur Hintergrund ist sondern die O-Töne und Dialoge raus sind und dann ist plötzlich eine Landschaftsaufnahme da und die Musik ist voll am Start. Sowas ist klasse und das ist dann auch ein gutes Zusammenarbeiten mit einem Regisseur, der selbst nicht musikalisch ist.
  Aber das ist natürlich bei Tom auch ganz anders. Der hatte früher sehr viel Klavierstunden, so daß er auch richtig gut Beethoven spielen kann. Deswegen ist für den so'n Carpenter auch überhaupt kein Problem [hämmert die Noten der Halloweenmelodie in die Luft]. Daher ist er auch nicht so'n Regisseur der "mitmachen darf" bei der Musik, sondern er ist ein richtiger, amtlicher, guter Musiker.
[...]

Charlotte:  Wird es dieses Projekt, diese Band Pale 3 auch weiterhin geben?

Reinhold:  Das haben wir uns vorgenommen. Genaugenommen gab es das Projekt ja schon zu Lola rennt-Zeiten, wir waren bloß so dusselig, uns den Bandnamen noch nicht zu geben. (lacht) Deswegen konnte man noch nicht über uns sprechen, und wir haben uns so im Hintergrund gehalten, daß wir halt nur gesagt haben: Das ist Thomas D. und Franka Potente. Es war aber natürlich genauso unser Projekt, allerdings wäre der Name sehr lang geworden: Pale 3 feat. Thomas D. feat. Franka Potente.
[...]
  Wichtig zu wissen ist, daß die Musik völlig anders ist als bei Lola rennt.
[...]
  Alle Sängerinnen haben die Texte unter dem Eindruck der Story des Films gemacht, und haben es sehr individuell und anders verarbeitet. Und es ist sehr interessant, auch die Texte durchzuhören auf dem Album. Es sind also sieben verschiedene Sängerinnen auf sieben verschiedenen Stücken, die mal mehr mal weniger mit dem Filmscore zu tun haben und die man auch so ganz wunderschön hören kann.

Charlotte:  Skin hat auch in einem Interview gesagt, daß sie in You Can't Find Peace gerade eben nicht die Liebesgeschichte genommen hat, sondern deren negative Seite, bis man überhaupt zu der Liebesgeschichte hinkommt.

Reinhold:  Genau, es ist auch ein Stück, das zu Bodos Figur geschrieben wurde, und hat daher auch einen recht melancholischen Touch.
[...]
  Oder z.B. Anita Lane, die ja eigentlich eher aus der Nick Cave-Ecke kommt, die ja auch recht düstere Geschichten machen, ich find ihr Stück [auf dem Soundtrack] aber immer zum Brüllen, weil sie eine fast schon katholisch-naive Story gemacht hat, auch was sie am Ende des Stücks so erzählt find ich zum Piepen. Die lebt in Sizilien und hat drei Kinder mit einem Sizilianer, das geht wohl nicht völlig spurlos an einem vorbei. (lacht) Aber das ist auch eine Interpretation der Story, und daher find ich das sehr spannend, da kann man unheimlich viel entdecken in dem Album.


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